Australien

 

Radtour Australien 1993


3 Jahre nach unserer gemeinsamen Radtour in den USA war es wieder mal soweit. Durch laufende termingebundene Arbeitseinsätze ohne große Urlaubszeiten hatte sich wieder ein beachtliches Guthaben von über 90 Urlaubstagen angesammelt. Ein Reisebericht über Australien sowie diverse gelesene Bücher weckten in mir das Verlangen wieder eine längere Radtour zu unternehmen. Nach dem Grundsatz, jetzt oder nie. Man darf nicht nur vom großen Abenteuer träumen sondern muss es auch wahr machen, bevor es zu spät ist. Ein auslaufendes Großprojekt, die Winterzeit sowie eine Auftragsverschiebung kamen glücklicherweise mir zu Hilfe. Ich erfocht mir eine bezahlte Auszeit durch meine Urlaubsansprüche von 3 Monaten. Leider konnte ich dieses mal meine Frau Doris aus familiären Gründen nicht mitnehmen. Es war für uns beide nicht einfach, da wir bis jetzt alles gemeinsam unternommen hatten. Allein wollte ich auch nicht fahren. Also suchte ich in meinem näheren und weiteren Umfeld nach einem Begleiter der zeitlich sowie körperlich auch in der Lage war so etwas mit Erfolg zu bestehen. Ich hatte Glück. Ein Berufskollege und aktiver Fußballer bot sich an. Durch Stellungswechsel hatte er ebenfalls 3 Monate frei. Jetzt ging’s im Schnellverfahren. Fahrradkauf und sonstiges was man alles so braucht. Die Planung meinerseits stand. Die Räder wurden über Schenker per Kargo nach Australien transportiert und am 28.12.1992 starteten wir mit dem Flugzeug von München über London – Bangkok nach Australien. Nach 24 Stunden im Flieger und vorgenannten Zwischenstopps landeten wir am 29.12.1992 in Perth. Der Abschied von Doris fiel mir sehr schwer. Ein paar Tage später erfuhr ich, dass Doris sich beim Schlittschuhlaufen den Arm gebrochen hatte. Ich machte mir Vorwürfe. Hätte ich sie mitgenommen, dann wäre das nicht passiert. In Australien kann man sich den Arm nicht auf der Eisbahn brechen. Jedenfalls war die Erkenntnis von uns beiden nach Tour-Ende: Egal wie, wir machen in Zukunft nur noch alles gemeinsam. In Fremantle in unmittelbarer Nähe zu Perth war das Branch Office der Fa. Schenker. Also mieteten wir uns ein Taxi und fuhren hin. Die Nacht verbrachten wir in einer Parkanlage in unserem Zelt gut versteckt hinter Büschen. Wolfgang und ich staunten nicht schlecht, als nachts die Bewässerungsanlagen eingeschaltet wurden und unser Zelt den ersten Härtetest bestand. Erlaubt war das nicht aber unser Zelt stand auf feinstem englischen Rasen. Bevor in der Früh die Parkwächter kamen waren wir schon weg. Die Leute von Schenker waren sehr freundlich und hilfsbereit. Sie fuhren mit uns zum Zoll, halfen, und bewirteten uns. Es gab Kaffee und Kuchen und Hot Dogs. Im Vorgarten vom Office bauten wir unsere Räder zusammen, dann wurden noch ein paar Fotos geschossen für die Firmenzeitschrift denn so etwas wie uns zwei hatten sie noch nicht gesehen, denn wir waren für sie paar Verrückte. Australien bereist man mit Geländewägen und nicht mit Fahrrädern, die außerdem nicht klimatisiert sind. Am 30.12.1992 um 12:30 Uhr ging es los. Unser Australien-Abenteuer begann bei Tagestemperaturen von +35°C. Für uns ungewohnt – wir kamen aus der Kälte. Wir cremten uns tüchtig ein, da das vierwöchige Vorbräunen – 2 x die Woche ins Solarium – mit Sicherheit nicht ausreichend war. Die Fahrt entlang der Küstenstraße bis Mandura genossen wir. Beidseitig der Straßen Villen und Traumhäuser – hier wohnten die Reichen von Perth. Dazwischen alter Eukalyptus-Baumbestand und feinster Asphalt. Nach 68 km war für heute Schluss. Man muss am ersten Tag auf dem Rad nicht alles übertreiben und ein toller Campingplatz war auch Grund genug. Wir tranken viel und löschten unseren Durst. Die Hitze war doch ungewohnt. Es wurde kurz nach Hause telefoniert und dann ab ins Zelt. Eine innere Unruhe sowie der Tatendrang lies uns nicht richtig schlafen. Bereits um 6:00 Uhr waren wir wach und um 7:00 Uhr saßen wir schon auf den Rädern. Wolfgang 20 Jahre jünger als ich war trotz des großen Altersunterschiedes ein toller Partner. So wie er als Berufskollege war, so erwies er sich auch privat unter sportlichem Druck als wahrer Freund und das sollte sich auch während unserer gesamten Tour nicht ändern. Er war zuverlässig und problemlos. In unseren Gedankengängen waren wir uns fast immer einig. Am zweiten Tag steigerten wir unsere Kilometerleistung auf 114 km und waren zufrieden, dass es so gut lief, hatten doch die Fahrräder mit Gepäck ca. 45 kg. Dazu kam noch die Wasserbevorratung für den Reisetag. Bunbury war Etappenziel. Unterwegs aßen wir viel Obst und abends selbst gegrillte Riesensteaks. Lebensmittel waren im Verhältnis zu Europa sehr preiswert, besonders Rindersteaks. Um so weiter wir uns von Perth entfernten um so autofreier wurden die Straßen. Langsam gewöhnten wir uns an den Linksverkehr. Beidseitig der Straße Busch- und Waldlandschaft sowie Wiesen mit Rindern. Die Bäume grün, die Wiesen braun es war gerade Trockenzeit. Der australische Highway ist hier maximal 6 m breit und manchmal ein kleiner Seitenstreifen, aber vollkommen ausreichend für den wenigen Autoverkehr. Die Menschen freundlich, hilfsbereit aber mit vielen Fragen. In Australien fährt man Auto und möglichst Four-Wheel-Drive. Wir waren mit unseren Rädern Exoten, die belächelt, bewundert, bestaunt, eingeladen, aber nie verachtet, beleidigt oder zweideutig angeredet wurden. Dieses Phänomen begleitete uns auf unserer gesamten Tour. Auch an die Helmpflicht mussten wir uns erst gewöhnen. Wir sahen das sehr locker, doch wenn wir uns größeren Ortschaften näherten, setzten wir sie auf. Die Polizei nahm es nicht so streng. Oft unterhielten sie sich mit uns und beim Abschied sagten sie lächelnd: „Ach so, wir wollten noch sagen: setzt die Radhelme auf.“ Zwinkerten uns zu und fuhren weiter. Die Küstenstraße in West-Australien ist hügelig. Wir waren jetzt schon den vierten Tag unterwegs und langsam tat der Hintern trotz eincremen weh. Es war doch etwas gewöhnungsbedürftig laufend auf dem Fahrradsattel zu sitzen. Zwischen Karidale und Black Pamberton fuhren wir auf einer für Australien typischen Waschbrettstraße, die Standard auf Nebenstraßen ist. Eine Nebelwand zog auf falls doch ein Auto an uns vorbeifuhr. Die Gegend hier könnte im Allgäu sein, jedoch mit urwaldähnlichen Eukalyptuswäldern ohne jegliche Ansiedlungen. Von einem Off-Road-Driver, der mit seiner Freundin unterwegs war erstanden wir uns noch ein paar Lebensmittel und Wasser, er lehnte jegliche Bezahlung ab und gegen Abend erreichten wir eine Farm, bei der wir übernachten konnten. Der Farmer lud uns ein, bewirtete uns und stellte uns einen Anbau mit einfacher Möblierung zur Verfügung – einfach toll. Zum Frühstück gab es gebratene Eier von Perlhühnern, Kaffee, Milch und selbstgebackenen Kuchen. Wir bedankten uns und nachdem er von uns nichts nehmen wollte, gaben wir den Kindern von Süßigkeiten, die wir dabei hatten. Am fünften Tag sahen wir dann endlich in großer Zahl Riesenkängurus, die beidseitig der Straße grasten. Eines dieser Tiere hätte mich beinahe zu Fall gebracht als es mit großen Sprüngen die Straße querte. Diese Art der Riesenkängurus werden bis ca. 2 m groß und sind ganz schöne Brocken. Was uns auch beeindruckte war die Vielzahl von Vögeln aller Art, die immer mit lautem Geschrei den Urwald bevölkerten. Inzwischen haben wir uns auch an das selbstgekochte Essen gewöhnt. Wenn man Hunger hat schmeckt alles, egal was wir aßen, es gab immer Nudeln dazu. Wir waren stolz – in 5 Tagen – 500 km, wir lagen im Soll. Doch oh weh, Wolfgang bekam ein dickes Knie. Wir kamen überein, er fährt mit dem Bus weiter und ich mit dem Rad. Treffpunkt Esperanca am Bahnhof. So hatte er 5 Tage Ruhepause und konnte sich schonen. Für mich begann jetzt eine Gewalttour. In 4 Tagen legte ich ca. 750 km zurück. Als ich am 8.1.1993 am Treffpunkt eintraf war ich zwar pünktlich, aber auch 5 kg leichter. Die Hitze, der Wind und das wellige Gelände hatten mein Körpergewicht schmelzen lassen. Viele Autofahrer zeigten mir das Victory-Zeichen oder die Faust mit dem Daumen nach oben. Oft stoppten sie, fragten ob ich was bräuchte und die australische Freundlichkeit war für mich überwältigend. Wer hier liegen bleibt verdurstet nie. Irgendwann kommt ein Auto oder Truck vorbei und die haben generell Wasservorräte dabei. Einmal wurde es ziemlich spät und ich fand keinen Campingplatz, da erkannte ich hinter dichten Hecken in der Dämmerung feinsten Englischen Rasen. Ohne groß zu überlegen baute ich mein Zelt im Sichtschutz zur Straße auf. Doch am nächsten Tag wurde ich in aller Früh unfreundlich geweckt. Ein wütender Arbeiter machte mir klar, sofort zu verschwinden, sonst wird er handgreiflich. Der Grund: Ich hatte auf einem Golfplatz genächtigt. Ich traf einen Wanderarbeiter, der mit einem Rad samt Anhänger und seinem kleinen Jungen von ca. 5 Jahren unterwegs war, auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Seine Frau hatte ihn verlassen. Auch das ist Australien. Die Temperaturen an der Küste sind extrem. Nachts kühlt es auf +10°C ab und die Mittagstemperaturen liegen bei +40°C im Schatten. Die körperliche Kondition wurde bei der täglichen Fahrradstrecke mit dem schweren Rad ganz schön gefordert. Auch Leguane und Schlangen sah ich jetzt öfter, die die Straße kreuzten. Einfach toll. Ich wurde immer wieder eingeladen, doch ich konnte es nicht nutzen, Wolfgang wartete ja auf mich. Als wir am 9.1. weiterfahren wollten machte Wolfgangs Knie immer noch Schwierigkeiten. Also beschlossen wir, dass er bis Kalgoorlie auch diese Teilstrecke mit dem Bus fährt. Von Esperanca bis Kalgoorlie sind es ca. 500 km und ich hatte 4 Tage Zeit. Die Gegend hier ist landschaftlich schön und wir blieben noch einen Tag auf dem Campingplatz von Esperanca, dass auch ich zu meinem Ruhetag kam. Wir genehmigten uns eine Bootsfahrt zu einer vor gelagerten Insel und beobachteten Seehunde, welche sich in der Sonne aalten. Am nächsten Tag in aller Früh ging es für mich weiter. Wolfgang musste mit mir um 5:30 Uhr aufstehen, da ich wie zuvor für meine Übernachtungen das Zelt brauchte. Auf der Fahrt ins Landesinnere musste ich erst mal Höhe gewinnen. Ca. 250 Höhenmeter auf 20 km das ist nicht viel. Mit jedem Kilometer wurde es aber immer wärmer und die Bewaldung hörte auf und ging in Buschlandschaft über. Der Straßenbelag war unter der starken Sonneneinstrahlung weich und um die Mittagszeit waren es +42°C. An einer Tankstelle kam ich mit dem Inhaber, einen ausgewanderten Deutschen ins Gespräch, der mich einlud und mir anbot bei ihm und seiner Familie zu übernachten. Deutschland ist für ihn soweit entfernt und da gab es viel zu erzählen. Doch ich hatte erst 50 km hinter mir und ich musste leider weiter. In Salon Gums gabs einen Campingsplatz und ich übernachtete dort, auch ein Deutsches Ehepaar, ca. 40 Jahre alt, das mit einem Tandem unterwegs war. Ihre Devise war, 3 Jahre arbeiten und dann immer für 1 Jahr aussteigen. Auch so kann man sich seine Fernwehträume erfüllen. Mein Flüssigkeitsbedarf war erheblich, es waren heute ca. 8 Liter, die ich getrunken hatte. Und dann plötzlich ein Sandsturm mit Blitz und Donner und etwas Regen. Mein Zelt widerstand den Naturgewalten. Am nächsten Tag strahlend blauer Himmel und gnadenlose Sonne. Die Gegend ist trocken und viele künstliche Wasserstellen sind leer. Mit Windrädern, die Wasserpumpen antreiben, wird das unentbehrliche Grundwasser in die angelegten Wasserbecken gepumpt, für die hier freilebenden Rinderherden. Der Dundas Salt Lake ist ausgetrocknet und Sulfat glitzert in der Seesohle. In der Regenzeit laufen diese Senken voll und im Laufe des Jahres trocknen sie wieder aus. Ab und zu sah ich Känguruhs und einzelne Emuhs. Langsam gewöhnt man sich an die Tageshitze. Northman hatte 1500 Einwohner, jedenfalls gibt es am Ortseingang Schilder, die darauf hinweisen. Diese Tafeln findet man in ganz Australien. Eine historische Goldmine wurde besichtigt. Auch das gehört zum Programm eines Australienreisenden. Unangenehm ist der heiße Wind, der den für Australien typischen roten Sand aufwirbelte und sich auf dem verschwitzen Körper festsetzte. Während meiner ganzen Fahrt war es ein Zeremoniel mit Genuß abends mich von diesem Dreck zu reinigen. Mit einem Liter Wasser kann man sich komplett waschen. Das sind meine persönlichen Erfahrungswerte aus dem Outback. Bei Übernachtungen im Busch gab es kein Wasser und nur das Mitgenommene am Fahrrad und mit diesem musste sparsam umgegangen werden. In dieser Situation waren wir einige male. In Northman war ich bei einer Familie aus New Zealand eingeladen. Er, Jacko der Familienvater, ein Bergbauingenieur verdiente hier Saisonbedingt seinen Lebensunterhalt. Er war mit seiner Familie da und wollte ca. 5 Jahre bleiben und dann wieder zurück in sein geliebtes Neuseeland. Seine Tochter Susann gab mir ein Bild für meinen Sohn Marcus mit der Feststellung: „Wenn der Vater schon so ein verrückter Knochen ist, da ist sein Sohn bestimmt der Richtige für mich.“ Sie war bildschön und 50% Maori-Abstammung. Doch leider wurde aus diesem Versuch nichts. Nach zwei weiteren Tagen erreichte ich Kalgoorlie, schlechthin das Goldgräberzentrum vergangener Tage in Australien. Nach Tagen der Einsamkeit war hier der Tourismus zu Hause. Unterwegs kurz vor Kalgoorlie grüßten mich Polizisten aus dem Auto die mir mitteilten, dass sie mich kennen – ich war erstaunt. Sie wurden über Funk unterrichtet, dass hier ein Verrückter mit dem Fahrrad unterwegs ist. Mein KM-Stand: 1.696 km. Was immer beeindruckend war und ich genoss es während meiner ganzen Tour, die Sonnenuntergänge. Das Farbenspiel wechselte je nach Witterung und Wolken wenn der Feuerball am Horizont verschwand. Wenn ich abends meine täglichen Erlebnisse in meinem Tagebuch festhielt stand dieses Naturschauspiel Pate in meinen Eindrücken des täglichen Geschehens. Kalgoorlie ist ein Dokument Britischer Kolonialzeit. Viel Bausubstanz aus dieser Zeit wurde mit handwerklichem Aufwand erhalten. Wolfgang traf ich am vereinbarten Treffpunkt. Er strahlte und sein Knie war wieder in Ordnung – er hatte keine Schmerzen mehr. Wir beschlossen aus Zeitgründen mit dem Zug durchs Nulllabor Plain nach Port Augusta/Südaustralien zu fahren. Es blieb ein Tag für eine Besichtigungstour, gingen im städtischen Freibad schwimmen (Wassertemperatur +32°C) und schrieben Postkarten. In einer Goldmine aus der Zeit der Jahrhundertwende konnte man förmlich spüren unter welchen unmenschlichen Bedingungen die Sträflinge damals das Gold zu Tage förderten. Ein in Australien lebender Ungar mit dem wir ins Gespräch kamen lud uns zum Abendessen ein. Ein Problem für Australien sind die entwurzelten Ureinwohner – die Aboriginals, die größtenteils dem Alkohol verfallen sind. Man findet sie als Treibgut in den Städten und Ortschaften – ohne festen Wohnsitz und können und wollen sich nicht in die von den Einwanderern entwickelte Zivilisation anpassen. Da sie nicht arbeiten und teilweise auch nicht integriert werden sind sie Sozialfälle und werden zwangsläufig durch den Staat unterstützt. Zur Zeit unserer Reise erhielt ein Single 312,- Australische Dollar und eine Familie pro Kopf 260,- Dollar. Nach meiner Ansicht führt dieser unkontrollierte Geldsegen in die Versuchung zum Alkohol. Am 15.1./23:30 Uhr fuhr der Indian – Pazifik – Train in Kalgoorlie los. Bei einer Fahrtstrecke von ca. 1.700 km bis Port Augusta waren wir fast 24 Stunden unterwegs. Aus Kostengründen hatten wir die Travellerklasse gebucht und wir schliefen auf dem Fußboden in unseren Schlafsäcken. Kein Problem es war ja schon Gewohnheitssache – Preis 330,--Dollar/Person. Unterwegs konnten wir die Tiere in der Buschlandschaft gut beobachten. Im sicheren Abstand zum Train sahen wir Wilfpferdherden in Rudeln bis zu 30 Stück; Kängurus in großer Zahl; kleinere Kamel-herden; Raubvögel und die in Australien zur Landplage gewordenen Kaninchen. Obwohl alles wie ausgedörrt für uns schien, haben sie ihre Überlebenschance in dieser so scheinbar wasserlosen Gegend. Bei der langen Zugfahrt ergaben sich auch Kontakte, die wir auf unserer weiteren Tour nutzen konnten. Der Tag verging – die Nacht kam. Am 17.1. um 2:30 Uhr waren wir in Port Augusta, holten die Räder aus dem Gepäckwagen, fuhren noch ca. 6 km und legten uns auf einer kleinen Wiese bei einer Polizeistation zum schlafen. Unser nächstes Ziel war Adelaide das wir über Orroroo, Burra, Nuriootpa anfuhren. Hügeliges Gelände mit kleinen Pässen bis ca. 800 m hoch – anstrengend und schön. Kaum Autos, freundliche Menschen die von Rinder- und Schaafzucht lebten. Das riesige Weinbaugebiet im Barossa-Valley wurde von Deutschen Einwanderern geschaffen. Es war schon eigenartig – in Australien wurde Deutsch gesprochen. Wolfgangs Knie hielt. Unsere Tagesleistungen mit dem Rad lagen bei ca. 120 km. Adelaid ist eine typische Großstadt der Neuzeit mit Hochhäusern, viel Verkehr und 1 Mio. Einwohner. In der Nacht regnete es, welch ein Luxus in diesem Land. Lt. Touristikinformation ist Kangaroo Island ein Natur- und Tierparadies und das war uns ein Abstecher wert. Von Rapid-Bay fuhren wir mit der Fähre bei stürmischer See nach Penneshaw. Obwohl alles auf der Insel teurer war als auf dem Festland, war die Insel ein Erlebnis. Die Campingplätze waren einfach, teilweise nur ein Wasserhahn, aber wir hatten Wasser – alles andere war nicht so wichtig. Die Tierwelt auf der Insel war einmalig und Artenreich. In diesem Naturreservat gab es Wasservögel, Känguruhs, Seehunde, Pelikane, Koalas, Emuhs und Vögel aller Art, die wir mit etwas Geduld fotografieren konnten. Auf einer kaum befahrenen und nicht befestigten Straße mit leichtem Gefälle kam ich mit dem Vorderrad in ein Sandloch und überschlug mich. Ich hatte Glück – außer paar Schürfwunden hatte ich keine größeren Verletzungen. Auf der Fahrt zurück zum Festland sagte Wolfgang – man müsste mehr Zeit haben, doch wir waren auch nicht unzufrieden mit dem was wir bereits erlebt hatten. In Adelaid zurück machten wir nochmals einen Tag Pause und erlebten eine pulsierende Großstadt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Von Adelaid bis Eldunda der Abzweigung zum Ayers Rock fuhren wir mit dem Bus. Ursprünglich wollten wir auf dem Stuat Highway komplett durchs Outback, aber da war ja wieder das Zeitproblem. Die Greyhoundbusse sind in Australien als Überlandbusse eingesetzt und wer nicht fliegen will, benutzt diese alternativ, man muss nur etwas Zeit haben. Jedenfalls wird so in 18 Stunden Fahrzeit eine Strecke von ca. 1500 km überwunden. Zwischenstops gab es nur bei größeren Ansiedlungen und die sind bis zu 200 km auseinander. Cooper-Pedy das Opalzentrum im Outback ist wohl einmalig auf dieser Welt. Hier spielt sich das Leben unter Tage ab. Überall Schürfgruben mit Erdhügeln und maschinelle Anlagen die Zeugnis geben über die Opalsuche. Was für ein Leben – bei +50°C im Schatten. Doch solange die Hoffnung besteht auf den großen Fund und das Glück, wird es Menschen geben die es suchen, und viel Unangenehmes auf sich nehmen. Wie klein die Welt sein kann zeigt folgende Begebenheit. Im Bus freundete ich mich mit einem Münchner an, der mit dem Bus weiter nach Darwin unterwegs war. Beim Marathonlauf in München 1994 jubelte er mir als Zuschauer vom Straßenrand zu. Er hatte mich unter den vielen Läufern erkannt. Bei Außentemperaturen von +45°C ging's ins Zentrum von Australien, der weltberühmten Felsformation, den Ayers Rock. Am zweiten Tag mit einer Übernachtung im Outback erreichten wir unser Ziel in Yulara. Eine von Menschenhand geschaffene Oase. Campingplatz mit Swimmingpool und Hotels vom Feinsten mit Preisen wie weltweit im Hilton. Wir zahlten 9 $ pro Person für einen Zeltplatz auf dem Campground. Die einstündige Besteigung des Ayers Rock war Pflicht. Uluru, wie er von den Aboriginals genannt wird, der Heilige Berg und Sitz der Ahnen. Mit 869 m Höhe und einem Umfang von ca. 9,4 km ist er der zweitgrößte Monolith der Erde. Wir unternahmen dies während der Mittagszeit und hatten den Berg für uns allein, mit grandioser Aussicht und Stille. Nur der Wind war unser Begleiter und innigster Verbündete. Er vertrieb die vielen Buschfliegen, die sich überall niederließen und krabbelten. Zu unserem Schutz hatten wir Fliegennetze gekauft, die wir bei Wanderungen über den Kopf stülpten. Wir stellten auf unserer späteren Fahrt durch das Outback fest, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 17 km/h konnten sie auf uns nicht landen, wenn ja, fuhren wir zu langsam. In der Dämmerphase des untergehenden Tages beobachteten wir das Farbenspiel, das durch die Sonneneinstrahlung auf dem Felsmassiv entstand. Angeblich soll es 10 verschiedene Farbvarianten geben, jedenfalls wurde das Schauspiel von uns fleißig fotografiert. Auch die Olgas besuchten und durchwanderten wir. Wir stellten fest, ist man erst einmal 15 Minuten vom Parkplatz entfernt, ist man allein, denn ca. 90% aller Australienreisenden verlassen nicht weit ihre klimatisierten Aircondition-Busse. Lt. Regierungsbeschluss von 1985 ist der Uluru-Kata-Tjuta Nationalpark hier Aboriginal-Land und Eigentum dieser Ur-Einwohner und deren Nachkommen. Es gehört dem Stamm der Anangu. Es wird von einer neutralen Behörde verwaltet und die Einnahmen durch den Tourismus gehören dieser Volksgruppe. Über Curtin-Springs, Mount Ebenezer gings zurück nach Erldunda. Früh um 5.00 Uhr saßen wir schon immer auf unseren Rädern, denn ab 9.00 Uhr wurde es richtig warm und meistens blies ein heißer Wind, der uns austrocknete. Mein Kampfgewicht betrug nach einem Monat Radtour 57 kg. Mit 69 kg bin ich gestartet, doch ich fühlte mich wohl. Auch Wolfgang war 8 kg leichter. In Abständen von 100 km gab es Wassertanks bei Parkplätzen neben der Straße und wenn man Glück hatte, waren sie gefüllt. Egal wie, unsere Wassersäcke wurden bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit mit Wasser gefüllt. Oft versorgten uns auch Lkw-Fahrer die wir anhielten und nach Wasser fragten. Verdursten wollten wir nicht. Ein unangenehmer Geselle war der Gegenwind. Wir ertrugen ihn, obwohl wir ihn innerlich verfluchten. Auf dem Abschnitt bis Henbury erlebten wir alle nur erdenklichen Unannehmlichkeiten die das Radfahren bietet. Gegenwind, wolkenbruchartige Regenfälle, leere Wassertanks, hügeliges Gelände, überflutete Straßenabschnitte und aufgewirbelter Dreck und Staub der sich auf uns festsetzte und die Räder stark verschmutzte, so dass sie sich kaum noch drehten. Wir mussten mehrere Reinigungspausen einlegen. Um 18:30 Uhr waren wir am Roadhouse Stuart Well. Der Inhaber sah uns erstaunt an und sagte: “Grazy Bikers“. Aber er war sehr freundlich und hilfsbereit. Nach dem Duschen und sonstigen Reinigungsarbeiten stellte er für uns beide extra Riesenportionen mit Nudeln, Fleisch und Tomatensoße auf den Tisch und meinte: „Ihr müsst erst mal richtig essen, sonst überlebt ihr den weiteren Trip nicht.“ Geld wollte er nur für die Getränke. Trotzdem waren es an diesem Tag 172 gefahrene Kilometer. Ich zog Bilanz: In 30 Tagen hatte ich 3.350 km zurückgelegt, toll. Das hätte ich bei meiner Planung nicht gedacht. Seit Yulara besaßen wir ein Thermometer, das uns gnadenlos die täglichen Höchsttemperaturen im Outback anzeigte, die wir abends in unserem Tagebuch dokumentierten. Oft stellten wir fest, wieder mal über +40° C. Was für eine Belastung für Mensch und Material. Am 31.1. erreichten wir Alice Springs, das eingekreist von Bergen in einem Talkessel liegt. Durch den anhaltenden Sandsturm, der uns den ganzen Tag mehr oder weniger begleitete, bei hohen Tagestemperaturen, waren wir ganz schön geschafft und aßen abends wie die Scheunendrescher. In Alice Springs legten wir einen Ruhetag ein mit Wäsche waschen, Postkarten schreiben, Sightseeing, Filme entwickeln lassen und diversen Fahrradreparaturen. Wie schon so oft gab es Fragen ohne Ende zu beantworten. Die nächsten Stationen waren Aileron, Te-Tree, Barrow-Creek, Wauchope, Tenant-Creek. Seit wir auf dem Stuart-Highway radelten, wurde uns bewusst warum die LKW’s sowie Geländewägen alle mit massiven Rammschutz unterwegs waren. In größeren und kleineren Abständen lagen seitlich am Straßenrand Tiere die beim überqueren der Straße von Autos gerammt und getötet wurden. Bei der Hitze quellen die Kadaver auf und verbreiten einen Ekelerregenden Verwesungsgeruch. Je nach Windrichtung begleitete uns der Gestank ein kurzes Stück des Weges. Hauptsächlich betroffen waren Kängurus und Cattles. Unsere tägliche Fahrleistung war ca. 100 km, biwakiert wurde wo es nach unserer Ansicht passte und oft hatten wir Besuch von Aboriginal, die hier ihr Leben fristeten. Obwohl uns dringend abgeraten wurde, hier frei zu übernachten, hatten wir nie das Gefühl einer Bedrohung. Im Gegenteil, wir waren gern gesehene Gäste. Man bot uns abends beim gemeinsamen Sittin am Lagerfeuer sogar gegarte Maden und Stücke von einem Leguan an. Es braucht schon eine erhebliche Überwindung, das zu kauen und runterzuschlucken. Doch wir konnten die gebotene Gastfreundschaft nicht verletzen. Man darf nur nicht nachdenken, wie das alles lebend ausschaut. Wir haben es überlebt. Ca. 30 km nach Wauchope sind die Marbels, große runde Felskugeln und lt. Inschrift ca. 1250 Millionen Jahre alt. Die Gegend hier ist Buschland und ab und zu sieht man Wildpferde, oder Dingos in kleineren und größeren Gruppen. Obwohl über Dingos viel negatives erzählt wurde, waren sie eher scheu und gingen uns in weitem Bogen aus dem Weg. Die Ortschaften sind hier bis ca. 5000 Einwohner groß und die Campingplätze in gepflegtem Zustand. Es kommen nicht viel, aber es sind doch laufend Auto-Touristen auf dem Stuart Highway, die diese Campingplätze anfahren. Die Tagestemperaturen sind nach wie vor tagsüber sehr hoch. Die nächsten Stationen sind Renner Springs, Elliot, Dunmarra, Larrimah, Mataranka und Katherine. Die Landschaft wird mit jedem Tagesabschnitt grüner. In der Nähe bei Elliot kamen wir in ein Unwetter. Wir sahen eine dunkle Wand auf uns zukommen und mussten schnell handeln. Auf einem kleinen Erdhügel neben der Straße bauten wir in aller Eile unser Zelt auf und verstauten alles. Dann begann die Sintflut. Es kam der Sturm mit Blitz und Donner und wolkenbruchartigen Regen. Wir saßen im Zelt und hielten die Stangen fest. Es war unheimlich und Angst machte sich breit. Hoffentlich trifft uns kein Blitz. Die Straße und das umliegende Buschland wurden überschwemmt, der Boden war ausgetrocknet und das Wasser konnte nicht versickern und abfließen. Nach einer Stunde war alles vorbei. Als wir aus unserem Zelt krochen stellten wir fest, dass wir gar nicht allein waren. Der Hügel war eine Art Arche Noah. Ein paar Leguane, Karnickel und Schlangen hatten sich hier ebenfalls vor dem Wasser in Sicherheit gebracht. Jeder akzeptierte den anderen und wartete friedlich ab bis das Wasser zurückging. Doch Vorsicht war geboten, besonders vor Schlangen. Nach etwa einer ¾ Stunde sank das Wasser und die Tiere verschwanden. Nach einer längeren Rast war die Straße wieder befahrbar. Der Spuk war vorbei. Von den berühmten Roadtrains (Lkw mit 2 Anhängern), die auf dem Stuart Highway unterwegs waren hatten wir Respekt. Es fuhren nicht viele, aber geschätzt pro Stunde kam uns einer entgegen oder fuhr an uns vorbei. Wenn wir sie sahen oder hörten, stoppten wir kurz am Straßenrand denn sie hatten einen großen Sog und wirbelten viel Staub auf. Des öfteren sahen wir tote Rinder am Straßenrand die von den Lkw’s gerammt wurden. Ein furchtbarer Gestank bei der Hitze. Nase zu und dran vorbei! In Renner Springs wurden wir von der örtlichen Presse fotografiert und interviewt für einen Zeitungsartikel. Der Reporter meinte bewundernd, wir wären verrückt und so etwas wie wir zwei mit unseren Rädern sieht man hier selten. Er spendierte uns ein Abendessen und wünschte uns viel Glück. In der Zwischenzeit hatten wir uns an die Tagestemperaturen gewöhnt. Für Autofahrer, die uns unterwegs kurz begleiteten, war das unvorstellbar, bei dieser Hitze Rad zu fahren. Allein auf diese Tatsache, dass wir das konnten, waren wir stolz, denn selbst die Aboriginals bewunderten uns und zollten uns Anerkennung. Ab Dunmarra gab es riesige Kakaduschwärme, die ein richtiges Spektakel mit ihrem Geschrei veranstalteten. Man unterscheidet zwischen weißen und schwarzen Kakadus, die hier in großen Schwärmen vorkamen. Es sind wunderschöne Vögel und hervorragende Flieger. Ab Mataranka wurde es grün. Die Bäume hatten normale Größe und riesige Termitenhügel, kunstvolle Gebilde von Ameisen standen beidseitig der Straße, teilweise bis 3 m hoch. Wir näherten uns der tropischen Zone und es wurde mit jedem Tag schwüler. Wir genossen die Thermalquellen in Mataranka und badeten stundenlang im warmen Wasser. Welch ein Überfluss nach dem endlosen trockenen Buschland und wüstenähnlichen Gegenden. Katherine in Zentralaustralien, die Stadt am Kartherine-River, ist ein Touristenzentrum. Der River hat sich im Laufe von Jahrmillionen in den Berg gefressen und eine Canyon ähnliche Landschaft geschaffen. Die Bootsfahrt durch die Schluchten und Taleinschnitte ist Pflicht bei jedem Besucher und hinterlässt bleibende Eindrücke. Neben den Naturschönheiten gibt es 15000 Jahre alte Felsmalereien der Ureinwohner Australiens zu bewundern, sowie Süßwasserkrokodile, die den Menschen nicht gefährlich werden, da sie zu klein sind. Der tropische Einfluss machte sich bemerkbar, umso mehr wir uns Darwin näherten. Das Gras erreicht hier eine Höhe bis über 1 m, täglich Regenfälle und hohe Luftfeuchtigkeit, die bei Anstrengung sehr schweißtreibend ist. Abends peinigen die Moskitos alles was sich bewegt und man musste ununterbrochen trinken. Pro Pedalumdrehung ein Schweißtropfen, der irgendwo vom Körper fiel. Kleine Seen mit blühenden Wasserpflanzen, Palmen wie in Hawaii. Bis jetzt hatten wir trotzdem ziemliches Wetterglück. In Darwin erzählten uns die Leute, es hätte hier 14 Tage Dauerregen gegeben und der Kakadu-Nationalpark ist unpassierbar. Aber was soll’s, aus Zeitgründen mussten wir sowieso mit dem Flieger nach Cairns. In Darwin ließen wir es uns gut gehen. Wir begegneten Touristen, die wir schon von anderen Orten kannten. Obwohl Australien so riesig ist, trifft man sich immer wieder. Die Welt ist klein. Der Hafen lag voller Jachten und die Lokalitäten an der Uferpromenade waren gut besucht. Hier war Zwischenstopp für die Weltenbummler der Südsee. Obwohl wir keine Jacht hatten und nur unsere Räder, wurden wir bewundert. Man fotografierte uns zusammen mit den Skippern und alle fanden unsere Radtour als tolles Erlebnis. Doch keiner wollte mit uns tauschen. Es wäre ja so anstrengend. Na ja, jeder Mensch ist auf seine Art und Weise glücklich und zufrieden. Auf dem Flug nach Cairns kamen wir mit den Stewardessen, sowie mit der Fliegercrew über unsere Tour ins Gespräch und hatten während des Fluges ungeahnte Privilegien. Wir durften einige Zeit ins Cockpit und wurden Firstclass bewirtet. Während des Fluges über dem Kakadu-Nationalpark konnten wir die Ausmaße der Überschwemmung sehen. Alle Verbindungswege standen unter Wasser. Nach einem Zwischenstopp in Nhulunbuygove und einer Flugstrecke von ca. 1700 km landeten wir nach 4 Stunden in Cairns. Kein Regen – Sonne pur. Beim Stadtbummel trafen wir wieder Schweizer mit denen wir im Outback schon einen netten gemeinsamen Abend verbracht hatten. Beim örtlichen Automobilclub versorgten wir uns mit Straßenkarten und somit waren wir ausgerüstet für die Weiterfahrt in Queensland entlang der Küste vom Coral See Ocean und dem Great Barrier Reef. Die Ostküste ist klimatisch angenehm, grüne Landschaften, dichter besiedelt und Temperaturen so um die +30°C. Ideales Radtourenwetter mit einer ab und zu leichten Meeresbrise. Radlerherz was willst du mehr! Die Kleinstädte sind gepflegt und der Englische Landhausstil passt sich wunderbar in die hügelige Landschaft ein. Von Cairns bis Townsville wird Zuckerrohr angebaut unterbrochen durch waldreiche Abschnitte. Die Creeks sind voll mit Wasser und überall sieht man Angler. Die Campingplätze sind größtenteils gepflegt, nicht teuer und eine bezahlte Übernachtung wäre rausgeschmissenes Geld. Bei einem Farmhaus bei Ingham trafen wir Oliver, einen Neumarkter, der mit dem Bike von Melbourne nach Cairns unterwegs war. Es wurden Neuigkeiten und Adressen ausgetauscht und es gab wie immer viel zu erzählen. Unsere täglichen 100 km auf dem Rad wurden langsam zur Gewohnheit und belasteten uns in keiner Weise. Wir hatten uns eine Art km-Begrenzung auferlegt, mit dieser Tagesleistung war ausreichend Zeit vorhanden, für Sehenswürdigkeiten, Natur und außergewöhnliche Dinge wie Stadtrundfahrten. Auch eine Radtour zum Great Barrier Reef mit Tauchgang war ein absolutes Muß. Obwohl ich einen Tauchschein hatte und im Roten Meer getaucht bin, war dies ein Erlebnis der besonderen Art. Diese Unterwasserwelt ist einmalig und mit Worten nicht zu beschreiben. Der 24.2. war nicht unser Tag. Wolfgang fuhr 2 Platten, verursacht durch Strauchdorne, dann verlor er seine Geldbörse mit 20 $ und die Master Card. In Ayr ließen wir sie sofort sperren, damit kein Unfug passiert, schließlich hatte ich ja auch noch eine Karte. Kühe die beidseitig der Straße grasten, rannten auf und davon wenn wir mit unseren Rädern kamen, aber nicht vor Autos oder Trucks. Was sind wir doch für Monster. In Home Hill waren die örtlichen Schwimm-Meisterschaften der Jugend das Ereignis. Schwimmen ist bei den Aussis Nationalsport und jedes Kind beherrscht den Kraulstil. Vielleicht haben wir unbewusst bei diesen Wettkämpfen einen späteren Olympiasieger gesehen – wer weiß! Die Nächte waren angenehm kühl, nur die Moskitos in der Dämmerung waren nach wie vor eine echte Plage. Dann die Überraschung. Die Master-Card von Wolfgang ist gefunden worden und wurde uns nach Rockhampton postlagernd nachgeschickt. Die Information erhielten wir als wir in Townsville uns noch mal beim Campingplatz telefonisch meldeten. Bis jetzt hatte ich täglich abends eine Postkarte geschrieben, die ich bei passender Gelegenheit fortschickte, so dass Doris immer etwas von mir hörte, selbst wenn sie verspätet in Old Germany ankamen. An manchen Tagen fand ich keine Postkasten, so kam es öfters vor, dass ich 3 – 4 Stück bei passender Gelegenheit auf die Reise schickte. Seit wir an der Ostküste radelten hatten wir auch mindestens einmal pro Tag einen tropischen Regenschauer. Es war eine angenehme Abkühlung. In Mackay hatten wir in der Dämmerung ein großartiges Naturerlebnis. Flughunde so groß wie Krähen flogen zu tausenden in geringer Höhe über unseren Campground hinweg. Es war atemberaubend und unheimlich zugleich. Am 28.2. erreichten wir Camila. Es war der 60.te Tag unserer Reise, obwohl wir schon viel erlebt hatten uns lief die Zeit davon. Noch 30 Tage, dann geht unser Traum der grenzenlosen Freiheit und Unabhängigkeit zu Ende. Wir wussten es und wollten es doch nicht wahrhaben. Wir schoben die Tatsache vorerst soweit wie möglich weg. Irgendwie waren wir stolz auf uns. Bis jetzt waren es 6300 Radkilometer und wir fühlten uns fit. Bis Rockhampton fuhren wir durch typisch landschaftlich genutzte Flächen, wie bei uns in Deutschland. Die kleinen Orte und die Städte die wir passierten, waren im Englischen Stil der Gründerzeit gebaut oder nachgeahmt, aber alle gepflegt und sauber, die Menschen freundlich und stets hilfsbereit. In Bundaberg hatten wir abends noch mal das Erlebnis mit den Flughunden. Wir besuchten den örtlichen Tierpark, in dem es die komplette Australische Tierwelt auf großzügig angelegten Flächen zu besichtigen gab. Wir hatten viele Wildtiere in den endlosen Weiten gesehen, aber doch bei weitem nicht alle Arten, doch mit Schlangen kannten wir uns aus. Auch die Brown Snake die extrem giftig ist und wir im Outback fast täglich irgendwo sahen. So gefährlich Schlangen sind, dem Menschen gehen sie aus dem Weg oder verschwinden im Busch. Ein Australier, 65 Jahre alt, der mit seinem Fahrrad um Australien unterwegs war, sollte auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ursprünglich wollte er diese Radtour mit seiner Frau unternehmen, doch sie verstarb vor dem geplanten Reisetermin. Am Totenbett musste er ihr versprechen, nimm mich in Gedanken mit, aber erfüll dir deinen Traum. Er strahlte nur so von Lebensmut und Energie, war freundlich und ein richtiger Kumpeltyp. Wir biwakierten mit ihm eine Nacht zusammen und der Gesprächsstoff nahm kein Ende. Am nächsten Tag hieß es Abschied nehmen und das fiel uns allen sehr schwer, denn die Wahrscheinlichkeit dass man sich jemals wieder sieht ist sehr gering. Doch dieses Treffen festigte in mir einen Entschluss, von dem ich immer wieder träumte. Solltest Du gesund und fit sein im Rentenalter, dann wäre das ein erstrebenswertes Ziel, denn es gibt keine Zeitbegrenzung. Na ja, träumen darf man. Dass Australien im ersten Weltkrieg auch beteiligt war, sieht man an Beutestücken von der Deutschen Armee, wie Kanonen, die als Denkmäler in Parkanlagen, wie z.B in Childers aufgestellt sind. Die Typentafel mit Deutscher Beschriftung und Herstellerfirma sind der Beweis. Der Verkehr an der Ostküste hielt sich in Grenzen und war nicht unangenehm. Das Meer in unmittelbarer Nähe mit einer frischen Brise machte das Radfahren angenehm. Maryborough eine Stadt mit vielen alten Holzbauten und Häusern aus der Gründerzeit um 1850 ist ein richtig schmuckes Städtchen. Es gab ein kurzes Treffen mit einem Ehepaar aus dem Schwabenland/Mühlacker, die von Brisbane bis Cairns mit dem Rad unterwegs waren. Man tauschte wie immer Adressen für ein späteres Telefonat oder Treffen in Deutschland. Am Straßenverkehr erkannten wir, dass wir uns Brisbane näherten. Die Sunshinecoast als Urlaubsgebiet mit Hotelburgen war das Ausflugsziel der Großstädter, mit allen Annehmlichkeiten und bezahltem Rummel. Ca. 20 km vor Gympie platzte Wolfgang der Mantel und der Schlauch war auch kaputt. Ein Pick-up-Fahrer hielt sofort an und brachte uns beide zu einem Fahrradgeschäft. Es war das Einzige weit und breit. Wir hatten Glück, der Fahrer kannte die Örtlichkeit. In Sachen Wetter gab es nichts Neues, weiter Sonnenschein. Brisbane erreichten wir am 11.3. eine der wenigen Großstädte in Australien. Auf dem Programm stand der Botanische Garten, eine Stadtrundfahrt und ein Fußballspiel um die Weltmeisterschaft der Jugend zwischen Deutschland und Uruguay. Deutschland verlor 1:2, was soll’s, es war mal eine Abwechslung. Wir saßen im Fanclub der Deutschen und im Gespräch hörten uns viele ungläubig zu und meinten, es hört sich schön an, aber nicht mit ihnen. Es wurde ein feucht-fröhlicher Abend und wir kamen um eine Einladung nicht herum. Von Brisbane bis Ballina ist Touristengebiet, Badeorte und Surferparadiese mit allem erdenklichen Komfort. Die Campingplatzpreise doppelt so hoch wie woanders, obwohl wir nur ein Zelt hatten und kein Wohnmobil. Der Wind war auch wieder da und mehrere Regenschauer pro Tag. Je weiter wir uns von Brisbane entfernten umso preiswerter wurde es, so ist es halt überall in der Welt. Bei Tweed Heads fuhren wir über die interne Landesgrenze von Queensland nach New South Wales. Obwohl hier ideale Radlerbedingungen in abwechslungsreicher Landschaft waren beschlossen wir ab Grafton mit dem Zug nach Sedney zu fahren. Wir wollten noch zu Horst und seiner Familie, die wir in West-Australien kennengelernt hatten und in die Blue Mountains. Da war wieder die Zeit die uns davonrannte und wir hatten schon Mitte März. Es wurde uns bewusst –drei Monate sind zu kurz für Australien, dieser riesige Kontinent der flächenmäßig so groß wie die Vereinigten Staaten von Amerika ist und dann mit dem Fahrrad und dem unwiderruflichen Urlaubsende. Die Fahrkarte kostete 88,50 $ pro Person für 670 km und der Beamte am Schalter sagte, die Räder für euch zwei Biker kosten nichts. Wir schliefen an der Bahnstation, der Beamte weckte uns um 24:00 Uhr mit zwei Tassen Kaffee und 0:50 Uhr saßen wir wohlbehalten im Zug Richtung Sedney. Fahrtdauer ca. 10 Stunden.
Einen Vorteil hatten wir, denn während der nächtlichen Zugfahrt konnten wir im Abteil auf dem Boden schlafen, obwohl uns das schwerfiel bei dem laufenden Gerattere. Die Zuggleise sind nicht mit Deutschen Maßstäben zu vergleichen, da sie sehr wellig sind, vermutlich wegen der Hitze und der Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Von Sedney bis Penrith einem Vorort zur Metropole waren es 60 km und Horst wurde telefonisch informiert dass wir kommen. Es war eine herzliche Begrüßung und die ganze Familie sowie sämtliche Bekannten aus ihrem Umfeld waren da. Es gab soviel zu erzählen bei einem kulinarischen Abendessen und wir hatten sehr aufmerksame Zuhörer. Der Abend endete in den Morgenstunden bei viel Wein und Bier. Es war eine in diesem großen Personenkreis nicht geplante Feier, bei der weitere Freundschaften entstanden die auch noch heute beidseitig aufrecht erhalten werden. Am nächsten Tag ging es für 6 Tage in die Blue Mountains. Überflüssiges Gepäck ließen wir bei Horst zurück. Obwohl die Berglandschaft nur bis max. 1000 m hoch ist, gab es doch ganz schön zu strampeln. Es ging laufend rauf und runter und es kamen einige 1000 Höhenmeter zusammen. Die Tour führte über Katoomba, wobei wir selbstverständlich eine Pause einlegten und die Three Sisters besuchten, die Felsformation mit Postkartenidylle. Dann Blackheath, Lightgow, Hampton zu den Jedan Caves. Dieses Höhlenlabyrinth ist wohl einmalig in Australien. Um alles zu besichtigen bräuchte man Tage.Wir blieben aber nur einen Tag und weiter gings nach Oberon, Tarana, Sodwall, Lake Lyell, Bell, Labyrinth. Hier biwakierten wir auf 1000 m Höhe und bestiegen den King George. Nicht außergewöhnlich hoch aber mit fantastischer Aussicht. In der Abenddämmerung erhielten die Berge durch die untergehende Sonne ihre berühmte Blaufärbung. Bilpin war die letzte Station in den Blue Mountains und dann ging's zurück nach Penrith, man erwartete uns schon. Wir hatten Natur und Tierwelt in allen Variationen erlebt, doch leider im Schnelldurchlauf. Es war bereits der 24.3. Tags darauf war Sedney auf dem Programm mit Stadtbummel, Fahrt auf den Sedney-Tower mit Aussicht bis in die Blue Mountains, China Town, Oper, Harbor Bridge, Hafenpromenade mit Geschäften aller Art. Für Doris kaufte ich einen Opalring als Entschädigung für die Zeit der Trennung, wobei Horst beim Kauf alle Register zog, dass ich nicht übers Ohr gehauen wurde.
Das Abendessen von Edeltraud, der Ehefrau von Horst, war First Class und die ganze Familie war anwesend. So etwas von Gastfreundlichkeit ist wohl einmalig. Der Abschied am nächsten Tag fiel uns allen schwer. Ein Versprechen stand im Raum, entweder wir sehen uns in Deutschland wieder oder das Fernweh zieht mich noch mal nach Australien. Von Sedney nach Melbourne ging's mit dem Zug – 1100km. Wir schauten aus dem Fenster in die abwechslungsreiche Landschaft und sahen in Abständen die Straßen auf denen wir hätten fahren können. Wir waren still und redeten nicht viel. Mit unseren Gedanken waren wir in der Vergangenheit und dem Erlebten. Zwei Tage fuhren wir mit den Bikes durch Melbourne und ließen es ausklingen. Besuchten die olympischen Sportstätten, den Hafen, badeten im Meer und sortierten Kleidung aus. Unsere Räder fuhren wir zu Schenker und verpackten sie für den Rücktransport nach Deutschland. Die Verantwortlichen vor Ort waren sehr hilfsbereit und gaben uns jegliche Unterstützung. Nachdem alles verstaut war brachten sie uns zum Flughafen und verabschiedeten sich von uns mit einem Lunchpaket. Sie wollten von uns aus Deutschland eine Karte, die wir wie versprochen auch schickten. Unser Rückflug ging von Melbourne über Perth, Singapure, London nach München und wir saßen 26 ½ Stunden im Flugzeug mit Zwischenstops. Eine Tortour nach der grenzenlosen Freiheit in Australien. Am 2.4.93 landeten wir in München. Es war der 93.te Tag unserer Reise. Doris und mein Sohn Matthias waren am Flughafen und holten uns ab. Wir lagen uns in den Armen und freuten uns dass alles so gut gegangen ist und wir gesund zurückgekommen sind. Zu Hause war die Bayernfahne am Mast aufgezogen und ein Spruchband verkündete „Herzlich Willkommen“. Die Eltern von Wolfgang waren auch da und viele Bekannte. Es gab ein großes kaltes Buffet und das Erzählen nahm kein Ende. Das Abenteuer Australien war vorbei und auch mein Urlaub. Wie schnell verging die Zeit, doch dieses Erlebnis ist von bleibendem Wert. Doris und ich kamen zu folgendem Schluss und wir gaben uns das Versprechen, sollten wir gesund bleiben und ich bin im Ruhestand werden wir beide auf eine längere Radtour gehen – den Kontinent suchen wir uns noch aus aber ohne Zeitdruck.
Den kurzen Reisebericht habe ich verfasst nach meinen persönlichen Eindrücken. Leider war ich im Berufsleben Bauingenieur und nicht Autor oder Schriftsteller. Besonderen Dank gilt all den Menschen, die uns während der Reise so hilfreich und vorbehaltlos unterstützten. Die gebotene Gastfreundschaft auf diesem Kontinent werden wir nie vergessen und immer dankbar sein. Auch möchte ich mich bei meiner Familie bedanken, besonders bei Doris, die mir vorbehaltlos dieses Radabenteuer gönnte.


Zusammenfassung der 3-monatigen Radtour in Australien

Mit dem Fahrrad 8500 km
Mit dem Bus 1600 km
Mit dem Zug 3470 km
Mit dem Flugzeug 3680 km
Schiffstouren ca. 110 km
Auf Trails zu Fuß
und Dauerläufe 150 km
Summe ca. 15500 km

Größte Tagesleistung mit dem Rad 196 km

Gesamtkosten ab Deutschland und zurück DM 6.630,00
einschl.: ca. 104 verschickte Postkarten + Porto an Doris u. Bekannte,
16 Filme mit doppelter Entwicklung
sämtliche Campingsplatzgebühren
Essenskosten
Zugfahrten
An- und Abflug nach Australien sowie Inlandsflug
Bootsfahrten,
Eintrittsgelder in Museen, Stadien usw.
Andenken, Geschenke, Telefonate, Radreparaturen, Ersatzteile, neue
Kleidung, Fahrradhelme.
Rad Hin- und Rücktransport Deutschland - Australien

Ein Sprichwort das ich weiter geben will, mit viel Hintergrund zu unserer Radtour.
Wer es wagt kann verlieren, wer es nicht wagt hat schon verloren.

Zeitraum: 3 Monate / Januar – März 1993.
Es wurde immer im Zelt geschlafen oder wir waren eingeladen.
5 Plattfüße, Ein gebrochener Gepäckträger nach einem Sturz.
2 Ersatzmäntel durch rauen Asphalt.
Räder: Kettler All-Terrain Bikes 26“ Zoll, 24 Gang, 18 Kg schwer, beladen ca.
45kg.
2 Personen- Zelt und Gaskocher.
Wichtig: Mückenspray in der Dämmerung im Norden von Australien.